Die Bequemlichkeit der Unfreiheit
Es war zunächst nur ein Gespräch unter Arbeitskollegen, beinahe beiläufig, irgendwo zwischen schwarzem Humor und praktischer Lebensrechnung. Die Frage lautete: Was wäre eigentlich besser – sechs Monate Gefängnis oder drei Jahre Bewährung?
Ich hätte erwartet, dass die Antwort selbstverständlich wäre. Drei Jahre Bewährung bedeuten Einschränkung, gewiss, aber man bleibt draußen. Man besitzt seinen Alltag, seine Beziehungen, seinen Körper, seine Zeit. Man kann gehen, wohin man möchte, schlafen, wann man möchte, arbeiten, lieben, reisen, schweigen, sich zurückziehen. Man bleibt zumindest grundsätzlich Herr über das eigene Leben.
Doch die Mehrheit entschied sich überraschend für das Gefängnis.
Sechs Monate seien doch eigentlich gar nicht so schlecht. Man müsse sich um nichts kümmern. Unterkunft und Essen seien bezahlt. Medizinische Versorgung sei vorhanden. Man könne sich vielleicht die Zähne richten lassen, eine Ausbildung beginnen, Sport machen. Keine Miete, keine Rechnungen, keine Einkäufe, keine organisatorischen Sorgen. Man gebe für ein halbes Jahr die Verantwortung ab – und bekomme dafür Versorgung.
Was mich daran erschreckte, war weniger die konkrete Einschätzung des Gefängnisalltags als das Menschenbild, das sich darin offenbarte.
Denn plötzlich erschien Freiheit nicht mehr als höchstes Gut, sondern beinahe als Belastung. Freiheit bedeutet schließlich nicht nur, tun zu dürfen, was man möchte. Sie bedeutet auch, sich kümmern zu müssen. Entscheidungen treffen. Konsequenzen tragen. Rechnungen bezahlen. Für Nahrung sorgen. Beziehungen gestalten. Scheitern können. Unsicherheit aushalten. Das eigene Leben organisieren.
Vielleicht liegt genau darin eine der großen Spannungen unserer Zeit: Wir wünschen uns Freiheit, aber wir wünschen uns gleichzeitig die Befreiung von allem, was Freiheit an Verantwortung mit sich bringt.
Und irgendwann können sich diese beiden Wünsche widersprechen.
Denn wer immer mehr Verantwortung abgeben möchte, braucht zwangsläufig immer größere Systeme, die diese Verantwortung übernehmen. Systeme, die organisieren, verwalten, kontrollieren, verteilen, überwachen und entscheiden. Zunächst geschieht das aus guten Gründen: Sicherheit, Komfort, Gesundheit, Effizienz, Schutz.
Doch jedes System, das umfassend für Menschen sorgen soll, muss Menschen auch umfassend erfassen.
Genau an diesem Punkt bekam das Gespräch für mich eine größere Dimension.
Ich lese von Forderungen nach stärker kontrollierten, institutionellen Einrichtungen für Kinder. Ich sehe eine westliche Welt, in der Gefängnisse, Abschiebezentren, geschlossene Einrichtungen und hochgradig überwachte Räume selbstverständlich geworden sind. Die Vereinigten Staaten haben über Jahrzehnte eine Kultur der massenhaften Inhaftierung hervorgebracht. Europa baut seine Infrastruktur zur Kontrolle von Migration aus. An seinen Außengrenzen entstehen zunehmend Zonen, in denen Menschen nicht mehr primär als Individuen erscheinen, sondern als zu registrierende, zu sortierende, unterzubringende und weiterzuleitende Körper.
Man muss daraus keine Verschwörung konstruieren, um die Struktur beunruhigend zu finden.
Denn moderne Gesellschaften entwickeln tatsächlich immer leistungsfähigere Systeme zur Verwaltung großer Menschenmengen.
Ein Flughafen beispielsweise ist zunächst nichts anderes als eine brillante logistische Maschine. Millionen Menschen werden identifiziert, kontrolliert, kanalisiert, nach Berechtigung sortiert, durch bestimmte Wege geführt und innerhalb weniger Stunden über Kontinente verteilt. Der einzelne Mensch besitzt dort erstaunlich wenig Autonomie. Er folgt Anzeigen, Schranken, Sicherheitszonen, Pässen, Tickets, biometrischen Kontrollen und Zugangssystemen.
Und wir empfinden das kaum noch als ungewöhnlich.
Wir haben gelernt, uns freiwillig in diese Systeme einzufügen, weil sie funktionieren.
Genau darin liegt die Ambivalenz.
Dasselbe gilt für unsere digitale Welt. Smartphones kennen unsere Bewegungen. Plattformen kennen unsere Kontakte, Interessen, Ängste und Wünsche. Algorithmen können aus Tausenden scheinbar belanglosen Datenpunkten Persönlichkeitsprofile erzeugen. Unternehmen wie Palantir zeigen, wie gewaltige Datenmengen miteinander verbunden und operationalisiert werden können. Biometrische Identifikation wird präziser. Elektronische Zahlung verdrängt Bargeld. Fahrzeuge, Wohnungen, Geräte und öffentliche Räume werden zunehmend vernetzt.
Für sich genommen ist kaum eine dieser Technologien notwendig bedrohlich.
Zusammen ergeben sie jedoch etwas historisch Neues:
einen Menschen, der in einem Ausmaß lesbar geworden ist, das frühere Herrschaftssysteme sich kaum hätten vorstellen können.
Der klassische Überwachungsstaat musste Menschen beobachten. Der digitale Staat – oder überhaupt die digitale Gesellschaft – kann zunehmend aus vorhandenen Daten rekonstruieren, was Menschen tun, wo sie sich befinden, mit wem sie kommunizieren und welche Entscheidungen wahrscheinlich als Nächstes folgen.
Und noch entscheidender: Steuerung muss nicht mehr unbedingt durch Gewalt erfolgen.
Sie kann über Komfort erfolgen.
Über Empfehlungen.
Über Zugang.
Über Rankings.
Über Versicherungsbedingungen.
Über digitale Identitäten.
Über Zahlungswege.
Über Benutzeroberflächen.
Über kleine Anreize und kleine Hindernisse.
Der perfekte kontrollierte Mensch ist möglicherweise nicht jener, der hinter Stacheldraht steht. Es könnte jener sein, der sich vollkommen frei empfindet, obwohl sein Handlungskorridor von unsichtbaren Systemen strukturiert wird.
Das ist vielleicht die eigentliche Ironie unserer Epoche.
Aldous Huxley und George Orwell reichen sich die Hand.
Orwell fürchtete eine Welt, in der Menschen durch Angst kontrolliert werden. Huxley fürchtete eine Welt, in der Menschen ihre Freiheit freiwillig aufgeben, weil Ablenkung, Konsum und Bequemlichkeit angenehmer sind.
Vielleicht war die Gegenüberstellung immer falsch.
Die moderne Gesellschaft besitzt Elemente von beidem.
Es gibt Überwachung – und Unterhaltung.
Kontrolle – und Komfort.
Datenerfassung – und grenzenlosen Konsum.
Sicherheitsapparate – und personalisierte Unterhaltung rund um die Uhr.
Der Bürger muss nicht unbedingt gezwungen werden, seine Privatsphäre aufzugeben. Er kauft das Gerät selbst, trägt es ständig bei sich, entsperrt es mit seinem Gesicht und bezahlt dafür monatlich.
Und möglicherweise liegt genau hier der tiefste Zusammenhang mit jenem Gespräch über das Gefängnis.
Nicht darin, dass unsere Gesellschaft tatsächlich ein Gefängnis wäre.
Sondern darin, dass sich unser Verhältnis zur Freiheit verändert.
Wir beginnen zunehmend, Freiheit nach ihrem Komfort zu bewerten.
Wenn Verantwortung mühsam wird, erscheint Delegation attraktiv. Wenn Unsicherheit unangenehm wird, wünschen wir Regulierung. Wenn Entscheidungen kompliziert werden, wünschen wir Empfehlungen. Wenn gesellschaftliche Probleme chaotisch werden, wünschen wir Systeme, die Menschen klassifizieren und verwalten.
Das alles kann sinnvoll sein.
Doch irgendwo existiert eine Grenze, an der Fürsorge in Bevormundung übergeht, Sicherheit in Überwachung, Organisation in Kontrolle und Bequemlichkeit in Abhängigkeit.
Und diese Grenze ist nicht stabil.
Besonders relevant könnte das werden, wenn die kommenden Jahrzehnte tatsächlich von größeren Krisen geprägt werden: Klimawandel, Ressourcenknappheit, geopolitische Konflikte, Migrationsbewegungen, Pandemien oder wirtschaftliche Verwerfungen. Große Wanderungsbewegungen von Menschen würden Staaten vor enorme organisatorische Herausforderungen stellen.
Die Infrastruktur zur massenhaften Identifikation, Sortierung, Überwachung und Bewegung von Menschen müsste dann nicht erst erfunden werden.
Viele ihrer Bausteine existieren bereits.
Aber genau hier muss man intellektuell sauber bleiben: Dass eine Infrastruktur existiert, bedeutet nicht, dass sie mit einem verborgenen Zweck errichtet wurde. Ein Flughafen wurde nicht gebaut, um eines Tages Flüchtlingsströme zu verwalten. Digitale Zahlungssysteme wurden nicht zwangsläufig geschaffen, um Bürger zu kontrollieren. Biometrie entstand auch aus legitimen Bedürfnissen nach Sicherheit und Identifikation.
Die entscheidende politische Frage lautet deshalb weniger:
„Was ist der geheime Plan?“
Sondern:
„Was könnte mit den Systemen, die wir heute freiwillig errichten, morgen möglich sein?“
Denn Institutionen überleben ihre ursprünglichen Absichten.
Technologien besitzen keine politische Moral. Sie sind Möglichkeiten.
Und eine Gesellschaft zeigt ihre Reife nicht daran, welche technischen Möglichkeiten sie besitzt, sondern welche sie bewusst nicht ausschöpft.
Vielleicht besteht deshalb die eigentliche Aufgabe unserer Zeit darin, Freiheit neu zu verstehen.
Nicht als Abwesenheit von Mühe.
Nicht als perfekte Versorgung.
Nicht als möglichst reibungsloses Leben.
Sondern als Fähigkeit, Verantwortung für die eigene Existenz zu tragen.
Freiheit ist unbequem.
Sie bedeutet, dass niemand garantiert, dass alles gut ausgeht.
Sie bedeutet, selbst Entscheidungen treffen zu müssen, obwohl man irren kann.
Sie bedeutet Unsicherheit.
Sie bedeutet Verantwortung.
Vielleicht ist das der Preis.
Und wenn Menschen irgendwann bereit sind, diesen Preis nicht mehr zu bezahlen, weil ein vollkommen organisiertes Leben angenehmer erscheint, dann braucht es möglicherweise überhaupt keinen großen autoritären Umsturz.
Keine Soldaten auf den Straßen.
Keine dramatische Machtübernahme.
Vielleicht genügt eine lange Reihe kleiner Entscheidungen, bei denen wir jedes Mal ein wenig Selbstbestimmung gegen etwas mehr Sicherheit, Komfort oder Entlastung eintauschen.
Bis eines Tages kaum noch jemand sagen kann, wann genau sich das Verhältnis umgekehrt hat.
Dann wäre die beunruhigendste Erkenntnis nicht, dass uns jemand die Freiheit genommen hätte.
Sondern dass wir sie Stück für Stück abgegeben hätten –
und jedes einzelne Mal einen nachvollziehbaren Grund dafür hatten.