Ellam shariyaan

„Die gefährliche Unantastbarkeit des Vaterlands“

In jeder Gesellschaft gibt es Ideen, die sich wie religiöse Dogmen verhalten. Sie entziehen sich rationaler Prüfung, immunisieren sich gegen Kritik und umgeben sich mit einer Aura des Heiligen. Patriotismus gehört zweifellos zu diesen Ideen.

Wie religiöser Glaube beginnt Patriotismus oft harmlos – als Ausdruck kultureller Zugehörigkeit, als emotionale Bindung an vertraute Landschaften, Geschichten oder Symbole. Doch genau wie der Glaube an Gott kann auch der Glaube an die Nation schnell seine unschuldige Hülle abstreifen und sich in etwas Dunkleres verwandeln. Dann wird aus Liebe zum Eigenen eine Abwertung des Anderen, aus nationaler Identität eine ideologische Waffe.

In solchen Momenten sehen wir, wie gefährlich die gesellschaftliche Immunität des Patriotismus ist. Denn wie Religion darf auch er vieles sagen, ohne Widerspruch fürchten zu müssen. Wer Kritik übt, gilt als illoyal, wer Differenzierung fordert, als schwach. Die Rationalität muss draußen warten – am Grenzzaun der Gefühle.

Doch kein Gedanke, keine Flagge, kein Vaterland sollte außerhalb der Reichweite unserer Urteilskraft stehen. Denn Ideen, die sich dem Diskurs entziehen, sind immer verdächtig. Und wenn wir gelernt haben, dass Glaube ohne Beweise gefährlich sein kann – warum sollten wir dann den Glauben an ein Land anders behandeln?

Die Geschichte zeigt uns, dass nicht rationale Überzeugungen, sondern ihre sakrosankte Stellung das Problem sind. Die Idee, dass man etwas nicht hinterfragen darf – sei es im Namen Gottes oder des Vaterlands – hat mehr Leid gebracht als fast jede andere menschliche Erfindung.

Wenn wir das Heilige suchen, sollten wir nicht bei Nationen beginnen. Sondern bei Wahrhaftigkeit, Empathie – und beim Mut zur Kritik.