Ein Brief an einen Freund – Über Menschlichkeit und die Fallen der Angst
Ich schreibe dir das nicht aus einem Impuls heraus, sondern weil mir unser letzter Austausch keine Ruhe lässt. Es macht mich traurig – nicht auf eine wütende Art, sondern auf die Weise, wie man traurig ist, wenn ein geschätzter Mensch plötzlich Worte wählt, die so gar nicht zu dem Bild passen, das ich von ihm habe. Ich habe dich immer als reflektiert erlebt, als jemanden, der Dinge hinterfragt. Deshalb hat es mich schockiert, von dir klassische Parolen über „faule Migranten“ oder die harte Trennung zwischen „legal und illegal“ zu hören – als ließe sich die Würde eines Menschen an Papieren bemessen. Wenn wir anfangen, den Wert eines Lebens nach Pässen oder „verdienten Privilegien“ zu sortieren, vergessen wir oft eines: Wir alle sind nur durch einen riesigen Zufall dort, wo wir heute stehen. Niemand sucht sich seine Eltern, seinen Geburtsort oder die Abwesenheit von Krieg in der Kindheit aus. Wenn Menschenrechte von Glück oder Leistung abhängen, sind es keine Rechte mehr, sondern Privilegien. Die meisten Menschen wollen nicht „schmarotzen“. Sie wollen überleben, Sicherheit und ein Stück von dem Frieden, den wir für selbstverständlich halten. Besonders schwer fällt es mir, diese harte Exklusion mit den Werten zu vereinbaren, die du eigentlich vertrittst. Ob nun aus religiöser Überzeugung oder humanistischem Weltbild: Eine Haltung, die nicht transformiert, wie wir den „Anderen“ behandeln, bleibt oberflächlich. Es ist leicht, sich zu Werten zu bekennen, solange sie uns nichts kosten. Aber wahre Größe zeigt sich in der Empathie für diejenigen, die uns unbequem erscheinen. Ich sehe, unter welchem Druck viele heute stehen – der Job, der Stress, der tägliche Überlebenskampf in einer Welt, die immer aggressiver wird. Diese Welt flüstert uns ständig zu: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Aber wir reagieren nicht nur auf die Welt, wir erschaffen sie mit. Angst erzeugt Angst. Verachtung schärft die Messer. Mitgefühl hingegen verändert die Temperatur im Raum – angefangen bei uns selbst. Oft hilft es, einmal komplett innezuhalten, um die eigenen Muster, die Wut und die Ängste klar zu sehen, statt sich von ihnen steuern zu lassen. Es geht darum, nicht zuzulassen, dass das System oder billige Propaganda einen zu einem Menschen verhärten, der man eigentlich gar nicht sein möchte. Ich schreibe das nicht, um recht zu haben. Ich schreibe das, weil du mir wichtig bist. Ich wünsche mir, dass wir wieder zu einem Diskurs finden, der ohne Hitze und Verteidigungshaltung auskommt – ein ehrliches Gespräch zwischen Freunden, die sich genug schätzen, um sich nicht gegenseitig anzulügen. Ich bin immer für dich da.