Ein kleiner Vorschlag zur Selbstberuhigung
Wir leben in einer Zeit, in der alles sofort eine Meinung braucht. Am besten eine starke. Noch besser: eine empörte.
Man weiß ja nie, wann das nächste Thema vorbeikommt, zu dem man sich unbedingt jetzt positionieren muss, obwohl man es vor zwölf Minuten noch nicht kannte und in zwei Tagen schon wieder vergessen hat.
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Dabei ist unser eigentliches Problem kein Mangel an Haltung. Es ist ein Überangebot an Reflexen.
Wir reagieren auf Schlagzeilen, auf Menschen im Internet, auf Gedanken im eigenen Kopf, als wären sie amtliche Aufforderungen.
Spoiler: Sind sie nicht.
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Ein Gedanke zum Ausprobieren: Man könnte auch nicht sofort reagieren.
Man könnte zuhören, ohne innerlich schon die Antwort zu formulieren. Man könnte Unbehagen fühlen, ohne es gleich zu erklären, zu teilen oder zu therapieren. Man könnte Schönheit wahrnehmen, ohne sie besitzen oder bewerten zu müssen.
Ich weiß, gewagt.
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Das ist keine Einladung zur Weltflucht. Eher zur Weltverträglichkeit.
Denn wer ständig reagiert, verwechselt Aktivität mit Wirksamkeit und Lautstärke mit Bedeutung.
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Vielleicht ist Reife ja nichts anderes als ein minimal größerer Abstand zwischen Reiz und Reaktion.
Ein Atemzug mehr. Ein Urteil weniger.
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Man muss nicht zu allem etwas sagen. Man muss nicht überall dabei sein. Und man darf seine Meinung ändern, ohne gleich die Persönlichkeit auszutauschen.
Auch ein radikaler Gedanke, ich weiß.
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Falls wir also wirklich etwas verbessern wollen – bei uns selbst oder anderswo – könnte ein Anfang sein:
Etwas weniger Reflex. Etwas mehr Aufmerksamkeit. Etwas weniger Selbstinszenierung. Etwas mehr Mensch.
Klingt unspektakulär. Ist es auch.
Und vielleicht gerade deshalb eine der wenigen Ideen, die noch nicht abgegriffen sind.