Ellam shariyaan

Ein Rant über geopolitische Kurzsichtigkeit

Es gibt diese Formulierung, die man ständig hört: „Der Konflikt im Nahen Osten eskaliert.“

Als wäre das ein Naturereignis. Als würde ein Vulkan ausbrechen.

Konflikte eskalieren aber nicht von allein. Sie werden ausgelöst. Sie werden entschieden. Sie werden kalkuliert.

Wer verstehen will, warum die Dinge heute so sind, muss nicht einmal besonders weit zurückgehen. 1953 reicht. Damals wurde im Iran ein demokratisch gewählter Premierminister gestürzt – mit aktiver Hilfe westlicher Geheimdienste –, nachdem er es gewagt hatte, die Ölindustrie seines Landes zu verstaatlichen. Seit diesem Moment sitzt im politischen Gedächtnis des Iran ein Stachel: die Erfahrung, dass Souveränität endet, sobald Ressourcen zu wertvoll werden.

Diese Geschichte verschwindet nicht einfach aus der Welt, nur weil sie in westlichen Narrativen selten erwähnt wird. Sie wirkt weiter – über Generationen.

Und dann springen wir ins Heute.

Während Diplomaten über Atomfragen verhandeln, fallen plötzlich Bomben. Der Schritt von Verhandlungen zu militärischen Aktionen wird dann im Nachhinein mit den üblichen Begriffen erklärt: Sicherheit, Stabilität, Prävention. Nur ist die Reihenfolge bemerkenswert – erst wird geschossen, dann wird der Konflikt als „Eskalation“ beschrieben.

Parallel dazu steht in Israel eine Regierung an der Macht, deren politische Legitimation seit Jahren immer stärker über permanente Sicherheitskrisen läuft. Wer innenpolitisch unter Druck steht, findet im Ausnahmezustand oft ein erstaunlich stabiles politisches Fundament. Sicherheitspolitik wird zur politischen Lebensversicherung.

Dabei entstehen paradoxe Situationen: Geldtransfers nach Gaza, die über Jahre hinweg toleriert oder sogar erleichtert wurden, um kurzfristige Ruhe zu erkaufen, stärken langfristig genau jene Strukturen, die später wieder als Begründung für militärische Maßnahmen dienen. Ein Kreislauf aus Stabilisierung, Radikalisierung und erneuter Eskalation.

Und während all das passiert, läuft im Hintergrund die eigentliche Maschine der Weltpolitik: der Energiemarkt.

Vor etwa fünfzehn Jahren hat die amerikanische Schieferrevolution den globalen Ölmarkt grundlegend verändert. Fracking und horizontales Bohren machten die USA innerhalb eines Jahrzehnts zum größten Ölproduzenten der Welt. Der Effekt: ein massiver Angebotsüberschuss und ein drastischer Preisverfall.

Für Länder, deren Wirtschaft fast vollständig auf Öl basiert, war das verheerend. Venezuela, mit den größten nachgewiesenen Ölreserven der Erde, rutschte in eine wirtschaftliche und politische Katastrophe. Der globale Markt hatte sich verändert – und plötzlich stand ein Staat mit gigantischen Ressourcen am Boden.

Doch Ressourcen verschwinden nicht, nur weil ein Land kollabiert. Sie warten.

Dann passiert etwas anderes: Ein Krieg oder eine Krise im Nahen Osten bringt die Preise wieder nach oben. Plötzlich wird jedes Barrel wieder wertvoller – auch die teuersten Fördermethoden lohnen sich wieder.

Und währenddessen läuft noch eine andere Geschichte: Sanktionen gegen Russland. Offiziell sollen sie die finanziellen Grundlagen eines Krieges schwächen. In der Realität sorgt ein angespannter Energiemarkt jedoch dafür, dass jedes verkaufte Barrel mehr Geld einbringt.

Wenn Öl knapp wird, findet es immer seinen Weg. Über Drittstaaten, über Mischungen, über Tankerflotten, deren Herkunft sich im Nebel internationaler Handelsstrukturen verliert.

Das Ergebnis ist eine geopolitische Ironie, die fast schon grotesk wirkt:

Europa diskutiert milliardenschwere Hilfspakete für die Ukraine. Gleichzeitig verdient Russland weiterhin enorme Summen mit fossilen Exporten, weil der Ölpreis hoch bleibt.

Man könnte sagen: Die Sanktionen treffen – aber der Markt kompensiert.

Und irgendwo in dieser Gleichung sitzt eine politische Klasse, die sich regelmäßig darüber wundert, dass die Realität nicht so funktioniert wie ihre strategischen Papiere.

Das eigentliche Problem ist nicht einmal Machtpolitik. Machtpolitik gab es immer.

Das Problem ist Kurzfristigkeit.

Entscheidungen werden getroffen, als gäbe es nur den nächsten Wahlzyklus, den nächsten Nachrichtenzyklus, den nächsten diplomatischen Gipfel. Nicht die nächsten zwanzig Jahre.

Und so entsteht eine Welt, in der • Energiekrisen politische Entscheidungen treiben, • politische Entscheidungen neue Krisen erzeugen, • und diese Krisen wiederum genau jene Märkte stärken, die man eigentlich kontrollieren wollte.

Wenn man das Ganze aus der Distanz betrachtet, wirkt es manchmal wie ein System, das ständig versucht, Brände zu löschen, während es gleichzeitig Benzin verteilt.

Und das Erstaunlichste daran ist vielleicht nicht einmal die Absurdität.

Sondern dass sie immer wieder als „strategische Stabilisierung“ verkauft wird.