Ellam shariyaan

Vom Mut, ein gutes normales Leben zu führen

Es gibt eine stille Erschöpfung, die nicht aus Mangel entsteht, sondern aus Überfluss. Aus zu vielen Erlebnissen, zu vielen Geschichten, zu vielen inneren und äußeren Extremen.

Ich habe gelernt, dass ein Leben nicht dadurch bedeutungsvoll wird, dass es außergewöhnlich ist. Ein gutes, normales Leben ist ein gutes Leben. Und diese Einsicht ist kein Rückschritt – sie ist Entlastung.

Lange Zeit habe ich geglaubt, dass Sinn dort entsteht, wo es intensiv wird: im Außergewöhnlichen, im Grenzgang, in der Verdichtung von Erfahrung. Und ja – solche Erfahrungen prägen. Aber irgendwann merkt man, dass man sie nicht mehr erzählen kann. Nicht, weil sie wertlos wären, sondern weil ihr Wert nicht im Erzählen liegt.

Vielleicht ist das Bedürfnis nach immer neuen Erlebnissen kein Ausdruck von Lebendigkeit, sondern von Unruhe.

Ich möchte meine Fähigkeit nicht verlieren, durch meine Art in ungewöhnliche Situationen zu geraten. Sie ist Teil meines Wesens. Aber ich möchte sie nicht mehr festhalten wie einen Beweis meiner Besonderheit.

Nicht jedes Leben muss eine Geschichte sein. Manche Leben dürfen einfach getragen sein.

Ein weiterer Abschied war schwieriger: der Abschied vom inneren Urteil.

Von der leisen Verachtung gegenüber denen, die scheinbar blind durch ihr Leben gehen. Vom Gedanken, wacher, klarer, weiter zu sein als die „anderen“.

Ich sehe die Welt: den Lärm, die Gier, die Rastlosigkeit, die Selbstdarstellung aus innerer Leere, die Zerstörung im Namen von Wachstum, Identität, Fortschritt.

Und ja – es schmerzt. Aber dieser Schmerz rechtfertigt keine Überheblichkeit.

Erwachen zeigt sich nicht darin, über der Welt zu stehen, sondern darin, in ihr nicht zu verrohen.

Vielleicht geht es nicht darum, die Welt zu reparieren. Vielleicht geht es darum, nicht selbst Teil dessen zu werden, was man kritisiert.

Weniger eingreifen. Mehr wahrnehmen.

Weniger urteilen. Mehr zuhören.

Weniger reagieren. Mehr Raum lassen.

Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Reife.

Ich glaube nicht mehr an den großen Umsturz. Ich glaube an kleine Verschiebungen im Inneren. An Gespräche mit Inhalt. An Geduld. An Warmherzigkeit. An Gemeinschaft, die nicht aus Gleichheit entsteht, sondern aus gegenseitiger Nachsicht.

Vielleicht beginnt Veränderung dort, wo jemand nicht mehr mitrennt und dennoch nicht verhärtet.

Diese Welt mag laut in Richtung Abgrund fahren. Aber ich muss nicht schreien, um nicht mitzufahren.

Es genügt, menschlich zu bleiben.