Ellam shariyaan

Von der vornehmen Unvernunft des Picknickierens

Ein absonderlicher Traktat in wohlgesetzten Wendungen

Es ist ein gar eigentümlicher Wahn, dem der gebildete Mensch, namentlich zur Sommerzeit, mit ausgesuchter Sorgfalt anheimzufallen beliebt: jener rührselig-unpraktische Drang, das Mahl aus der wohlgeordneten Stube ins Grüne zu verlegen, als ob der Leib auf feuchtem Moos gesättigter würde denn auf solidem Stuhl.

Man nennt es Picknick – man müsst’ sagen: tragikomisches Tafeln ohne Tisch. Denn was ist’s im Grunde? Eine umständlich orchestrierte Rückverlegung der Nahrungsaufnahme in jenen Zustand, wo Messer, Gabel und gesittetes Servieren durch Hände ersetzt sind, die zugleich Teller, Sitzgelegenheit und Abwehrmechanismus gegen allerlei Getier darstellen müssen.

Der zivilisierte Mensch verlässt also seine Küche – eine Anordnung von unschätzbarer Eleganz, voller dampfender Pfannen, gutmütiger Platten und eines treuen Geschirrtuchs –, um sodann unter großem Gepränge ebendiese Küche in Einzelteilen auf eine Decke zu verteilen, die sich nicht entblödet, unmittelbar mit dem Erdboden zu verkehren.

Nicht selten vergisst er dabei das Wesentlichste: den Senf zum Ei, das Brot zum Käse, das Besteck zum Dasein. Und so sitzt er dann dort, der Homo picknickensis, mit geschürzten Knien, umschwärmt von Wespen, aufgesucht von Ameisenabordnungen und flankiert von jener pittoresken Feuchtigkeit, die im Freien stets nur von unten zu kommen pflegt.

Ein wohlmeinender Skeptiker würde anraten, das Mahl zu Hause einzunehmen, wo der Wein nicht schwitzt, der Salat nicht welkt, und die Mehlspeis vom Wind nicht als Opfergabe ins Gras gestreut wird. Sodann, satt und wohlgemut, kann man sich immer noch auf eine Wiese legen – doch ohne Butterbrot unterm Gesäß und Apfelschorle im Dekolleté.

Denn, Hand aufs Herz und Serviette zur Brust: Es liegt eine gewisse Größe darin, das Leben nicht zu schleppen, wo es doch auch getragen werden kann – im Inneren, wohlig und warm, wie’s der liebe Gott gemeint hat. Und so schließt der Verfasser, nicht ohne einen Hauch Selbstironie: Wer draußen speisen will, tu’s – doch beklag’ sich nachher nicht über Blattläuse im Käse und Blasen im Kreuz.

Wien, anno 1913 Ein wohlgenährter Beobachter